Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Als kleiner Junge bin ich gerne auf einen Bauernhof gegangen und habe dort die Tiere angeschaut: die Schweine in den Ställen, die Kühe auf den Weiden, die Pferde in ihren Boxen, die schnaubten und manchmal mit den Hufen gegen die Türen schlugen.
Besonders angetan hatte es mir damals aber ein Ziegengehege. Da bin ich öfters vorbeigeschaut und habe den kleinen Zicklein dabei zugeguckt, wie sie auf die Hügel geklettert sind, sich aufgebäumt haben und dann mit ihren kleinen Hörnern und mit ihren dicken Schädeln gegeneinander gedonnert sind.
Besonders interessiert hat mich aber ein kleines schwarz-weiß geflecktes Zicklein, das immer ein bisschen verloren zwischen den anderen umhersprang und mit seinen kurzen Beinen kaum Schritt halten konnte oder Mühe hatte, den kleinen Hügel hochzuspringen.
Ich habe mich dann immer bemüht, dieses Zicklein ein bisschen zu streicheln. Und es ist mir natürlich auch gelungen, mit ein paar Pellets, die ich aus der Futtertonne geklaut hatte, das Zicklein für mich zu gewinnen. Und immer, wenn es die Pellets aus meiner Hand aufgegessen hatte, machte es sich wieder auf den Weg, schüttelte ein bisschen das Köpfchen und verschwand davon.
Und ich wollte es dann immer festhalten und ein bisschen noch streicheln und kuscheln. Aber das Zicklein wollte weiter, und dann habe ich es halt trotzdem festgehalten — und dann kamen wir so in eine kleine Rangelei hinein. Und am Ende plumpste ich meist auf den Hosenboden, und das Zicklein sprang dann doch fort.
Und ich habe das den Sommer über immer wieder gemacht: mal mit Pellets oder mit einer Karotte das Zicklein gelockt und es dann gestreichelt oder probiert, es auf den Arm zu nehmen. Aber es hat dann immer wieder seine Bocksprünge gemacht und ist fortgelaufen.
Und irgendwann bin ich dann dazu übergegangen, zunächst ein bisschen frustriert, mich ins Gras zu setzen und dem Zicklein keine Pellets mehr zu geben, sondern einfach zu warten. Und manchmal kam es vorbei, manchmal hüpfte es mit seinen tollpatschigen Bocksprüngen an mir vorbei. Und manchmal spielte es einfach mit den anderen, und ich bekam es nur sehr kurz zu sehen und fast gar nicht zu greifen.
Und dann gab es andere Tage: Wenn ich so im Gras saß und auf einem Grashalm kaute und in die Wolken blickte, da merkte ich auf einmal, dass das Zicklein neben mir stand und mit seinem Schnäuzchen an mir schnupperte und stehen blieb. Und wenn ich dann die Hand auf es legte, dann blieb es ganz ruhig, drehte den Kopf ein bisschen, und ich konnte es kraulen.
Und dann ging es wieder fort. Aber es kam auch wieder. Und aus den Momenten, in denen es bei mir blieb, wurden immer längere Momente, und manchmal waren es sogar ein paar Minuten, wo sich das Zicklein von mir streicheln ließ.