RADIO WONDERBOY
102,0 · CAREER

Im Anzug auf der Couch

Ich bin okay, du bist nicht okay — auch wenn ich das nie gesagt habe.
7:30 MINUTEN

Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Ich bin okay, du bist okay. Ich bin nicht okay, du bist okay. Du bist nicht okay, ich bin okay.

Vielleicht hast du diese Konzepte schon einmal gehört. Sie stammen aus der Transaktionsanalyse und beschreiben eine Einstellung zu sich und zum anderen. Daraus folgt natürlich auch eine Lebenseinstellung, und es folgen daraus auch Auswirkungen auf die Kommunikation.

Solche Modelle finde ich sehr interessant, ich habe sie auch in meinem Coaching-Programm und in meinen Seminaren. Aber was ich immer noch imposanter und eindrucksvoller fand, sind die praktischen Beispiele, die sich dahinter verbergen. Und ich möchte dir nun meine eigene Erfahrung mit diesem Konzept „Ich bin okay, du bist okay“ mitteilen — in der Hoffnung, dass es dich ein bisschen inspirieren kann und dich auch dazu bringt, die Theorie als Ausgangspunkt zu sehen, aber immer das Leben dahinter zu suchen.

Ich nehme dich mal mit auf eine kleine Reise. Ich war ein sehr engagierter Student. Ich habe in den Niederlanden und in Spanien Jura studiert und auch in Deutschland. Ich habe dann Philosophie und Geisteswissenschaften noch studiert, mit 1,1 mein Studium abgeschlossen, meine Doktorarbeit geschrieben und nebenher noch für eine Unternehmensberatung gearbeitet.

Ich erzähle das gerne so: Gerade als ich da als Werkstudent noch für die Unternehmensberatung tätig war und an meiner Promotion geschrieben habe, habe ich teilweise abends gar nicht mehr den Anzug ausgezogen, sondern habe mich einfach auf die Couch gelegt. Und morgens habe ich dann schon wieder den Wecker klingeln hören — ran an den Computer, rein in den Call. Das war so mein Tagesablauf. Es ist klar: außer Arbeit blieb da nicht so viel mehr übrig an Zeit.

Ich habe dann ein Angebot bekommen, in einer Business Unit eines Konzerns einzusteigen, und war dort recht bald für den Bereich Personalentwicklung und Recruiting verantwortlich — meine erste Leitungsfunktion. Daraus ergab sich natürlich auch, dass ich immer mehr Schnittstellen hatte, mit anderen Bereichen, mit anderen Führungskräften und Mitarbeitern.

Ich habe dann meinen Ansatz übertragen: das Leistungsorientierte aus dem Studium und der Unternehmensberatung, die Erfahrungen im Projektmanagement, die konsequente, lösungsorientierte Vorgehensweise. Und habe doch immer gemerkt, dass es zwischen mir und den meisten anderen Leuten so eine Lücke gab, die da klaffte. Dass ich sie nicht ganz erreichen konnte — auch wenn die meisten wahrscheinlich gesagt hätten: Seine Konzepte sind gut, seine Ideen sind gut, sein Ansatz ist gut. Aber irgendwie haben sie doch nicht mitgezogen.

Und ich habe das dann für mich reflektiert und mir überlegt: Was passiert da eigentlich? Irgendwie habe ich gemerkt, dass die Leute mir vielleicht nicht so ganz vertraut haben oder einen kleinen Vorbehalt gegen mich hatten — obwohl ich immer sehr freundlich war und mich auch interessiert habe. Das war zumindest mein eigener Eindruck von mir. Und trotzdem kam ich nicht umhin festzustellen: Warum ziehen die nicht mit?

Mir ist dann in der Reflexion aufgefallen, dass ich an sie herangetreten bin mit einer gewissen Haltung, auch wenn ich das nie bewusst gesagt habe: Ich bin okay, du bist nicht okay. Weil ich so ein bisschen die Einstellung hatte: Ich habe ja gezeigt, wie man Leistung erbringt. Ich habe Projekte durchgezogen, mit einer engen Timeline und allem Drum und Dran. Und wenn ihr alle das genauso machen würdet — wenn ihr nicht den Stift am Freitagfrüh fallen lassen würdet, wenn ihr euch abends mal ein bisschen dransetzen würdet oder auch mal am Wochenende, was ich damals auch gemacht habe —, dann würden wir mit unseren Projekten vorankommen. Das war so ein bisschen die Haltung: Na ja, man muss halt die Arbeit priorisieren, dann läuft es schon.

Was mir dabei natürlich entgangen ist: dass Leute andere Prioritäten haben. Leute, die Familien hatten, Kinder, vielleicht Pflegefälle in der Familie. Die vielleicht eine andere Herkunft hatten, einen anderen Hintergrund, und die sich das Leben einfach anders vorgestellt haben. Die gesagt haben: Na ja gut, ich habe hier einen Vertrag mit einer bestimmten Stundenzahl und einem bestimmten Gehalt, und das erbringe ich auch — aber nicht darüber hinaus.

Und erst als ich mich wirklich hineinversetzt habe in die Leute und durch deren Brille geschaut habe und gesagt habe: Ja, ich verstehe das. Du hast Kinder. Du hast einen Mann, der vielleicht auch einen stressigen Job hat oder vielleicht gerade seinen Job verloren hat. Du hast andere Menschen, die dir etwas bedeuten, andere Prioritäten im Leben. Dadurch hat sich meine inhaltliche Argumentation nicht verändert, mit meinen Ideen und Konzepten. Aber wie ich auf die Leute zugegangen bin, das hat sich verändert. Und ich habe gemerkt: Da hat es Klick gemacht, und die Leute sind mir anders begegnet. Ich habe diese Lücke zwischen uns nicht mehr gespürt.

Heißt das dann auch, dass alle meine Ideen und Konzepte umgesetzt worden sind oder vorbehaltlos Anklang fanden? Natürlich nicht, bei Weitem nicht. Aber es gab doch eine bessere Zusammenarbeit. Wenn wir uns auf etwas geeinigt haben, haben die Leute mehr mitgezogen.

Und das ist für mich ein Learning, das mich, wie man so schön sagt, ein bisschen humble gemacht hat. Immer auch daran denken: Jeder hat seine eigene Vorstellung vom Leben, und keine davon ist besser als die andere. Erst wenn man das sieht und diese Wertschätzung auch ausstrahlt, dann funktioniert es auch mit der Zusammenarbeit. Und darüber hinaus gewinnt man vielleicht auch, was vielleicht noch wichtiger ist: gute Freunde im Unternehmen.

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