RADIO WONDERBOY
102,9 · LOVE

Egal wie viele

Er hat langsam von seinem Bier abgelassen.
4:59 MINUTEN

Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Wenn du es nicht für eine Person tun kannst, dann kannst du es auch nicht für Tausende tun. Was will ich damit sagen?

Als Student habe ich Geschichten und Bücher geschrieben und einmal, zusammen mit einem Freund, der mich am Klavier begleitet hat, eine Lesung organisiert. Die Lesung fand in einem Ort gar nicht weit entfernt von Freiburg statt, wo wir damals studiert haben. Und natürlich waren wir etwas aufgeregt, als wir diesem Abend entgegengeblickt haben. Die Veranstaltung wurde ein bisschen beworben von dem Restaurant, wo das Ganze stattfinden würde, und wir haben auch an der Uni fleißig Flyer verteilt und Plakate aufgehängt.

Eines Tages kam dann der große Abend, und mein Freund und ich haben uns auf diese kleine Reise gemacht und sind in einem sehr, sehr schönen Restaurant angekommen. Genauer gesagt war es ein Kellerraum dieses Restaurants: weitläufig, ein bisschen dunkel und schummrig, also eine sehr schöne Stimmung. Eine kleine Bar war dabei, und der Barkeeper hat uns sehr freundlich begrüßt.

Wir waren ein bisschen aufgeregt, haben uns dann im Backstage-Bereich umgezogen, wir haben das Klavier getestet und sind irgendwann mit großer Erwartung auf die Bühne getreten. Ich hatte meine Texte parat, meine Manuskripte in der Hand. Ich habe es geliebt, dieses Papier zwischen den Fingern zu spüren.

Doch als ich von meinem Papier aufgeblickt und in den Raum gesehen habe, saßen da gerade mal zwei Leute. Die eine war meine Theaterlehrerin, die mir dabei geholfen hatte, meine Vorträge zu üben, und der andere war irgendein junger Herr, der sich wohl etwas zufällig in dieses Restaurant verlaufen hatte und mit einem Bier am Tresen saß.

Na ja, wir haben dann noch ein paar Minuten gewartet, und diese Minuten haben sich für uns ehrlich gesagt wie Stunden angefühlt. Und irgendwann wurde uns beiden klar: Hier wird niemand mehr kommen. Wir haben uns kurz angeschaut und besonnen, und der Kumpel von mir wollte den Auftritt schon abbrechen — nach dem Motto: Das hat ja alles keinen Sinn hier.

Aber ich habe für einen Moment meine Augen geschlossen, an meine Texte gedacht, an mein Schreiben, an die vielen Stunden, in denen ich mir diese Geschichten ausgedacht, sie durchlebt und gespürt habe. Und ich habe mir gesagt: Nein, das gibt es nicht. Es gibt an der Stelle kein Zurück. Wir sind hier. Wir haben eine Vision, wir wollen unsere Geschichten und unsere Musik vortragen. Und ob das eine Person hört, zwei Personen, Tausende oder eine Million Menschen — das ist egal. Wir haben eine Mission, und deswegen sind wir hier.

Und dann habe ich mir ein Herz gefasst, habe den Kloß in meinem Hals runtergeschluckt, und dann habe ich angefangen zu lesen. Dieses Lesen hat mich in meine Geschichten hineingetragen, in meine Träume, in meine Welten. Ich habe gemerkt, wie diese Geschichten immer stärker in mir geworden sind und wie ich sie vorgetragen habe — mit mehr Poesie, mit mehr Überzeugung, mit mehr Leidenschaft und mit mehr Kraft.

Und dann habe ich immer mal wieder ins Publikum geguckt und gesehen, wie dieser Herr, der ja eigentlich das ganze Publikum war, langsam von seinem Bier abgelassen und angefangen hat zuzuhören.

Und dann erinnere ich mich an den Moment, wo ich eine meiner stärksten Geschichten vorgelesen habe. Ich habe es schon beim Vortrag gemerkt: Das gelingt mir gut, du bist drin in der Geschichte, und du kannst sie gut vorlesen. Und als am Ende dieser Geschichte die zwei Leute — und insbesondere der eine Herr — angefangen haben, richtig zu klatschen und ein bisschen zu jubeln sogar, und das Klavier hinter mir die letzten Töne hat ausklingen lassen: Da wusste ich wieder, warum ich das mache.

Es geht nicht darum, ob dich eine Person hört oder ob dich tausend Personen hören. Es geht darum, mit wie viel Leidenschaft und Überzeugung du deine Sache vorträgst, mit wie viel Liebe du für deine Sache einstehst.

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