RADIO WONDERBOY
102,0 · CAREER

Go Route

Ich hätte mich am liebsten selber ausgewechselt.
5:31 MINUTEN

Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Heute war mal wieder so ein Tag: Man setzt sich an den Schreibtisch, öffnet das E-Mail-Postfach, und es scheint schon alles schiefzugehen. Eine Absage kommt rein, ein Kunde cancelt einen Coaching-Termin, eine Software macht Schwierigkeiten, und man kommt in sein eigenes Portal nicht mehr rein, um die Kundendaten einzusehen. Und man hat irgendwie das Gefühl, das geht jetzt den ganzen Tag so weiter.

Ich bin dann erst mal in die Küche gegangen und habe mir einen Kaffee gemacht. Und habe dann aus dem Fenster geguckt, und mich haben irgendwie meine Erinnerungen zurückgetragen an die Zeit, als ich noch Student war. Und da hatte ich ein Erlebnis, das ich mir dann regelmäßig wieder vor Augen führe.

Damals hatte ich ein gewisses Ritual: Immer dienstags und donnerstags habe ich mich hingesetzt und an meinen Hausarbeiten geschrieben. Und dann bin ich langsam zum spannenden Teil des Abends übergegangen. Dann habe ich Musik angemacht, meistens Tupac, kam dann so in Stimmung, habe meine Sportsachen gepackt, bin auf das Fahrrad gesprungen und dann los zum Footballtraining.

Ich habe damals bei einem Verein gespielt, als Wide Receiver, und war dafür zuständig, die Bälle zu fangen. Habe immer mit viel Ausdauer trainiert. Aber das, was ich eigentlich erzählen möchte, ist an einem Spieltag passiert.

Wir sind zu einer der stärksten Mannschaften in der Region gefahren, und wir waren klar Außenseiter, aber wir wollten zumindest einen guten Kampf abliefern. Ich war noch recht neu in der Mannschaft, hatte mich aber trotzdem etabliert, sodass ich Spielzeit bekam, und bin im Training auch dadurch aufgefallen, dass ich immer mal wieder ganz gute Catches gemacht habe — auch wenn ich alles in allem ein bisschen still und zurückgezogen war und vielleicht nicht so ganz in das Klischee des Footballspielers gepasst habe.

Ja, und dann standen wir auch schon auf dem Platz, und es war irgendwie — damals wie heute Morgen — es konnte schiefgehen, was nur schiefgehen konnte. Ich habe mich auf der falschen Seite aufgestellt. Ich bin die falschen Routen gelaufen. Ich habe nicht gut geblockt. Ich bin aus Versehen in unseren Running Back reingelaufen. Und mein Receiver-Kollege, der wirklich ein richtig, richtig guter Spieler war und mit viel Leidenschaft dabei war, der hat mich irgendwann im Trikot gepackt und hat gemeint: Junge, was ist denn heute los mit dir?

Ich habe mich dann wieder aufgestellt, und es wurde nicht besser. Und ich weiß noch, als unsere Defense auf dem Feld war: Ich war echt down. Ich stand da an der Seitenlinie und habe mir gedacht, what the fuck ist denn heute los? Es ging nichts, es ist nichts zusammengelaufen, und ich habe wirklich so eine Scham gefühlt. Ich lasse hier mein ganzes Team hängen. Die Leute verlassen sich auf mich. Ich liefere nichts. Ich vergesse die einfachsten Sachen. Ich hätte mich am liebsten selber ausgewechselt. Ich hätte mich am liebsten auf die Bank gesetzt und gesagt: Junge, du bleibst heute da.

Aber ich habe dann, als wir wieder dran waren mit der Offense und das Spiel noch so einigermaßen knapp war, meinen Helm genommen, bin hin und habe gesagt: Egal was — aber du gibst nicht auf. Egal was — aber du gibst nicht auf.

Und dann ging es ein bisschen besser, und wir sind tatsächlich dann sogar vorangekommen und in die gegnerische Hälfte gekommen. Und ich erinnere mich dran: Dann wurde eine Route genannt, die ich sehr gerne gelaufen bin, wo ich sprinten konnte. Und ich renne und renne und denke mir: Okay, zumindest stimmt die Route. Und dann schaue ich über meine Schulter und sehe auf einmal den Ball kommen, und ehe ich mich versehe, habe ich den Ball in meinen Händen und renne nur noch und renne nur noch und renne nur noch, bis das Spielfeld aufhört, und renne noch über die Linien hinaus und gucke den Schiedsrichter an und gucke den Schiedsrichter an, und der signalisiert natürlich Touchdown.

Und ich war so: Hoffentlich bin ich wirklich bis in die Endzone gelaufen. Aber tatsächlich war ich dann da. Und das war mein längster Catch der Saison, und die Jungs waren happy, wir haben das gefeiert. Wir stellen uns auf, Two-Point Conversion, ich laufe so eine kleine Slant-Route, sehe wieder den Ball kommen, zack, fange den Ball. Das waren immerhin acht Punkte.

Das Spiel haben wir nicht gewonnen, das ist uns dann am Ende noch mal deutlich aus den Händen geglitten. Und ja, als ich dann zurück im Bus saß und wir alle ein Bier getrunken haben, habe ich für mich gedacht: Es war eigentlich dein bestes Spiel, auch wenn es so scheiße angefangen hat.

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