RADIO WONDERBOY
99,8 · BEING DIFFERENT

Zieh die Jacke aus

Ich hör noch das Klackern der Rollen in der Nacht.
5:08 MINUTEN

Hallo und herzlich willkommen bei Radio Wonderboy. Ich erinnere mich noch daran, wie Jakob das Blut aus der Nase lief und wie wir ihm halfen, wieder aufzustehen.

Es war für uns kein untypischer Abend gewesen. Wir sind damals in Frankfurt aufgewachsen, Ende der Neunzigerjahre. Frankfurt war eine wilde Stadt. Wir waren wild. Es gab keine Polizei, nirgendwo. Und Abende wie dieser, die gehörten dazu.

Wir streunten damals abends durch die Straßen, tranken Bier, waren mit unseren Skateboards unterwegs und machten Ollies über Cola-Dosen oder slideten an den Bordsteinkanten entlang. Dann packten wir unsere Skateboards unter die Arme, standen an einer Ampel, rauchten eine Kippe und warteten. Warteten darauf, ob die Ampel grün werden würde, oder warteten auf irgendwas. Ich weiß es gar nicht mehr.

Ich weiß nur noch, dass dann ein großer, weißer Mercedes anhielt und in einer unglaublichen Geschwindigkeit drei ziemlich breite Typen ausstiegen und, ehe wir es uns versahen, an unseren Skateboards zogen. Vor allem auf Jakob hatten sie es abgesehen, der damals rot gefärbte Haare hatte und eine Lederjacke mit einem Totenkopf drauf trug.

Sie rissen an seinem Skateboard, und irgendwann wurde einer von diesen drei Typen so richtig sauer und schlug ihm einfach vor unseren Augen so richtig mit der Faust zwei-, dreimal ins Gesicht, bis Jakob umfiel. Dann beschimpfte er ihn als Pumuckl und wollte, dass er seine Lederjacke auszöge.

Daran erinnere ich mich noch. Die hat ihn irgendwie gestört, und er hat ihm mehrmals gesagt: Zieh jetzt diese Scheißjacke aus. Zieh jetzt diese Jacke aus. Und riss an der Jacke. Jakob, der nichts mehr sagen konnte, das Gesicht war schon geschwollen — der machte es einfach nicht. Und dann schlug er ihm noch mal eine runter und noch mal eine runter.

Aber ich erinnere mich immer an diesen Blick in Jakobs Gesicht, der einfach ausstrahlte: Nein, ich werde die Jacke nicht ausziehen. Und wenn du mich hier kaputt haust, das ist mir fuck egal.

Ja, und irgendwann ließ er dann von ihm ab und schubste Jakob noch mal so ein bisschen, dass er noch mal zu Boden fiel. Und dann stiegen sie in das Auto, lachten irgendwie und verschwanden in der Nacht.

Und wir, noch ganz perplex und natürlich auch unter Schock, sind zu Jakob hingegangen, haben ihm geholfen, wieder aufzustehen, mein Taschentuch gegeben, um das Blut abzuwischen, und sind dann mit ihm nach Hause gegangen, haben ihn so halb gestützt, sein Skateboard getragen.

Und da lag er dann auf der Couch und kühlte mit einer Bierdose seine Wange und sein Auge. Und ich stand so in der Türe und habe mir irgendwie gedacht: Wow, der hat sich einfach nicht klein machen lassen. Der hat einfach nicht nachgegeben. Und das habe ich nie vergessen, diesen Moment. Egal was ist. Egal, was ihr mir jetzt antun wollt, aber ich gebe nicht auf.

Ja, und ich bin dann irgendwann gegangen, das Treppenhaus runter, raus auf die Straße, rauf auf mein Skateboard. Ich hör noch das Klackern der Rollen in der Nacht. Hör noch, wie das Skateboard klapperte, als ich einen Ollie machte. Und dann bin ich auch irgendwie in der Nacht verschwunden.

Aber was mir geblieben ist, ist irgendwie die Erinnerung an diesen einen Abend. Nein, ich ziehe meine Jacke nicht aus.

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