Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Warum Leben ein Verb ist — ich möchte dir eine kleine Geschichte erzählen. Diese kleine Geschichte hat mich immer begleitet und inspiriert.
Ich hatte einmal eine Katze, und diese Katze habe ich bekommen, als sie noch sehr klein war. Es war also ein kleines Kätzchen. Wir haben dieses Kätzchen abgeholt und zu uns in die Wohnung gebracht, und wir hatten alles perfekt vorbereitet. Es gab einen Kratzbaum und eine kuschelige Höhle. Es gab einen vollen Wassernapf und Katzenmilch dazu. Und es gab ein Futternäpfchen, in dem schon das beste Katzenfutter stand, das wir finden konnten.
Wir waren also gewillt, dieses süße kleine Kätzchen mit unserer Liebe zu überschütten, und haben freudig beobachtet, wie es sich auf den Weg gemacht und seine neue Umgebung erkundet hat. Was wir natürlich auch wollten: dass das Kätzchen uns genauso liebt, wie wir es lieben. Wir haben es immer mal wieder auf den Schoß genommen, wir haben es gestreichelt, wir haben es ein bisschen herumgetragen, wir haben versucht, mit ihm zu spielen, und wir haben mit ihm geredet.
Und was ich dabei immer gemerkt habe, mit einer gewissen Enttäuschung: Das kleine Kätzchen hat sich doch recht oft abgewandt und ist seinen eigenen Weg gegangen. Es hat seine Geschwisterchen vermisst und seine Mama und hat sie irgendwie in der Wohnung gesucht — das war herzzerreißend mit anzuschauen. Aber wir haben es eben immer wieder probiert, es für uns zu gewinnen, weil wir ihm ja auch helfen und Liebe geben wollten. Nur: Dieses Kätzchen wollte erst mal für sich sein.
Und ich erinnere mich daran, als wir uns schlafen gelegt haben. Da war das Kätzchen noch im Wohnzimmer und war recht allein. Wir haben gelauscht, was es macht, und haben es ein bisschen vermisst und hätten es natürlich gern bei uns gehabt. Dann sind wir eingeschlafen.
Irgendwann mitten in der Nacht bin ich aufgewacht. Ich habe nach dem Kätzchen geschaut und gesehen, wie es recht einsam auf dem kühlen Boden lag und schlief. Und weil ich dieses Kätzchen so sehr bei uns haben und in unsere Familie aufnehmen wollte, habe ich es aufgehoben und zum Bett gebracht. Und als ich es aufs Bett gesetzt habe, hat es mich mit seiner kleinen Katzenschnauze angeschaut und fürchterlich gefaucht, hat mich gekratzt und ist vom Bett runtergesprungen. Es hat mir quasi gesagt: Ich will das jetzt nicht. Ich will meine Sachen machen.
Und dann war das Kätzchen wieder weg, und ich war betrübt — weil mir das Kätzchen leid getan hat und weil ich gemerkt habe, dass das, was ich gemacht hatte, in dem Sinne falsch war. Ich habe mich wieder hingelegt und geschlafen.
Na ja, dieses kleine Kätzchen ist irgendwann ein großer, stolzer Kater geworden, und wir haben viele, viele Sachen gemeinsam erlebt. Und ich erinnere mich immer an einen Tag, da bin ich zum Briefkasten gelaufen. Ich musste einen Brief einwerfen und habe mich auf den Weg gemacht. Und wie ich da unsere Straße im Viertel langgelaufen bin, habe ich auf einmal ein Miauen und ein Maunzen gehört. Ich habe mich umgedreht und gesehen, wie dieser große Kater hinter mir hergelaufen ist. Er ist richtig gerannt und hat mich gerufen: Warte auf mich, warte auf mich, ich kann nicht so schnell.
Und kam dann hinterher. Ich habe mich hingekniet und ihn gestreichelt, als er da war, und er hat es richtig genossen, bei mir zu sein — weil er das in diesem Moment wollte. Und weil der Weg zum Briefkasten doch recht weit war, ist er am Anfang ein paar Schritte neben mir hergelaufen, aber meine Schritte waren zu groß für ihn. Da habe ich ihn auf den Arm genommen und mit mir zum Briefkasten getragen, und wir haben gemeinsam den Brief eingeworfen.
Und er hat es genossen. Nicht wie damals in der ersten Nacht, wo er weg wollte oder runter oder gefaucht hat — sondern er hat sich von mir tragen lassen und hat wie ein kleiner König die Welt betrachtet und hat es genossen, bei seinem Papi zu sein. Und dann habe ich ihn nach Hause gebracht, habe ihn gestreichelt, und dann ist er wieder im Garten rumgelaufen.
Ja, und das ist es eben, was mich dieses Kätzchen gelehrt hat. Man kann die Sachen nicht erzwingen, und eine Katze möchte eben eine Katze sein. Und um auf meine Eingangspointe zurückzukommen: So hat es eben auch mit dem Leben etwas zu tun. Denn das Leben möchte auch nicht erzwungen, geplant, strukturiert oder angegangen werden — sondern das Leben möchte gelebt werden. Und deswegen ist Leben ein Verb.