RADIO WONDERBOY
102,9 · LOVE

Das schaue ich mir morgen an

Ich sah es ihm schon an seinem Gang an, dass etwas anders war.
6:23 MINUTEN

Hallo und herzlich willkommen zu Radio Wonderboy. Ich erinnere mich noch an einen Abend, an dem ich mit Paul recht lange zusammensaß. Wir trafen uns häufig abends in der Innenstadt, in einer sehr schönen, stilvollen Bar.

Und an diesem Abend sah ich es ihm bereits an seinem Gang an, dass irgendetwas anders war. Und als er seinen Mantel und seinen Schal ablegte und gleich ein Glas Whisky bestellte, war ich schon ein bisschen neugierig, was es denn heute wohl mit ihm auf sich haben würde.

Er fragte dann zunächst ein bisschen nach mir, wie es mir so ginge und wie meine Selbstständigkeit sich anließe. Aber ich habe schon genau gemerkt, dass er etwas auf der Seele hatte, worüber er eigentlich gerne sprechen wollen würde. Und so lenkte ich dann langsam das Gespräch auf ihn und fragte danach, was es denn so an Neuigkeiten gäbe.

Und er nutzte diese Chance und erzählte von einer Frau, die er kennengelernt habe, mit der er einen ganz schönen und besonderen und auch sehr spontanen Abend erlebt hatte. Und aus diesem Abend ergab sich dann noch eine Woche später ein zweiter Abend, der dem ersten in nichts nachstand. Im Gegenteil: Man hatte sich noch mehr persönlich kennengelernt und Gespräche geführt, die so deutlich unter das Oberflächliche gingen und wo man merkte, hier entdeckt man so langsam wirklich die Persönlichkeit.

Ja, und als er sie dann an diesem Abend noch zur U-Bahn gebracht und ihr eine Tafel Schokolade als Wegzehrung mitgegeben hatte, da sagte sie zu ihm, es sei ein schöner Abend gewesen, und sie käme gerne darauf zurück, doch mal mit ihm diese Serie anzuschauen, von der er so geschwärmt hatte.

Und am nächsten Tag, so um die Frühstückszeit, erhielt er dann tatsächlich auch ein Foto von ihr — oder vielmehr von der Tafel Schokolade, mit dem Zusatz, schöner könne man sich einen Start in den Tag gar nicht vorstellen.

Ja, Paul reagierte darauf, und sie antwortete wieder. Und dann war Paul sehr beschäftigt, vergaß nicht, ihr zu antworten, aber hatte so das Gefühl, die Unterhaltung habe hier ihr Ende für den Tag gefunden, und entschied sich stattdessen dafür, ihr am nächsten Morgen eine Nachricht zu schicken.

Und er war etwas verwundert, als er dann keine Antwort auf diese Nachricht erhielt, und es dauerte bis zum Abend, wo dann eine recht kurze, aber sehr freundliche Antwort kam. Und Paul dachte sich: Ich mache es nicht noch mal wie gestern, dass ich nicht reagiere, sondern ich reagiere gleich und nehme den Ball sozusagen wieder auf — und schrieb etwas zurück. Aber es kam keine Antwort. Auch am nächsten Tag kam keine Antwort, und auch kein Foto, und auch sonst nichts.

Und so verstrichen die Tage, und Paul ging es innerlich immer wieder durch: der Abschied, der Ausblick auf die zukünftigen gemeinsamen Abende, die Serie, die man zusammen schauen wollte, die Herzchen-Smileys in den Nachrichten — und dann die Stille. Und er spielte das immer wieder durch und immer wieder durch.

Und noch hatte er sich nicht entschieden, ob er jetzt noch mal schreiben solle oder nicht. Und etwas fragend sah er mich an und ging mit mir noch mal den Ablauf durch, und noch mal den Ablauf, und noch mal.

Und dann griff er zum Handy und wollte anfangen zu schreiben. Aber da legte ich ihm die Hand auf seine, wartete einen Moment, sah ihm dann in die Augen und sagte: Paul, wenn sie nicht will, dann hat es keinen Sinn.

Er ließ dann die Hände sacken und schaute auch ein wenig betrübt in sein Glas. Und dann bestellten wir eine zweite Runde und eine dritte Runde und unterhielten uns. Und allmählich kamen wir wieder so ein bisschen in die alten Gespräche rein und lachten ein bisschen.

Und dann geschah etwas: Ganz plötzlich erschien eine Nachricht auf dem Handy. Und ich weiß bis heute nicht, von wem die Nachricht kam, ob es überhaupt eine SMS war oder ob es vielleicht eine andere Push-Nachricht war. Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich noch daran, wie Paul das Handy umdrehte, es ausschaltete und sagte: Das schaue ich mir morgen an.

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